Leere Klasse
Jekaterinburg empfing sie mit grauem Himmel, niedrig und schwer, wie eine Betonplatte, bereit, die Stadt zu zerdrücken. Der Novemberwind zog über den Lenin-Prospekt, riss die letzten gelben Blätter von den Pappeln und warf sie unter die Räder schwarzer SUVs. Kanabis und Totschka standen am Tor der alten Schule Nummer einhundertsiebenundzwanzig. Das Gebäude aus rotem Ziegelstein erinnerte sich noch an sowjetische Zeiten, als Ideologie wichtiger war als Sicherheit, und die Wände waren mit dicker, widerlicher kotzgrüner Farbe bedeckt, um jedes Flüstern zu verbergen.
Sie waren seit einem Jahr nicht hier gewesen. Seit dem Abschluss. Ein Jahr Studium an der Landwirtschaftsakademie hatte sie verändert. Kosjak war härter geworden, sein Blick hatte die jugendliche Naivität verloren und war von der Gewohnheit abgelöst worden, den Raum zu scannen. Totschka sah müde aus. Das Leben drückte hart, aber nicht das trieb sie hierher. Die Erinnerung trieb sie. Das Verlangen trieb sie, das sie bekannt gemacht und einander nähergebracht hatte. Das Verlangen, Gras zu nehmen und sich ordentlich wegzukiffen. Dieser verdammten grauen, vertrockneten, vom Gestank des Hasses und der Lüge durchtränkten Existenz zu entkommen.
Marihuana. Die Lehrerin des Lebens. Das Gras lehrte, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu sehen. Sie rauchten und sahen, dass man anders leben konnte. Es öffnete ihnen die Augen für die Welt, und dann erfuhren sie, dass in einer Welt ohne Marihuana alles mit Geld und Blut verbunden ist. Und jetzt war es verschwunden.
In der Schule roch es nach altem Putz und Chlor. Die Korridore waren leer. Der Unterricht lief, doch die Stille drückte stärker als Lärm. Der Direktor, ein voller Mann mit feuchten Augen, empfing sie in seinem Büro. Er fragte nicht, warum sie gekommen waren. Er wusste es. Er hatte selbst damit herumgespielt. Mal mit Gras, mal mit Alk, und manchmal mit beidem gleichzeitig.
Die Polizei war schon hier. Der FSB auch. Verhörprotokolle lagen in einem ordentlichen Stapel auf dem Tisch. Die Spuren waren kalt. Der Letzte, der Marihuana hatte, verließ am Dienstagmorgen das Haus. Erreichte die Haltestelle. Stieg in den Bus. Und löste sich auf. Überwachungskameras zeigten nur einen leeren Sitz dort, wo er hätte sitzen müssen. Als hätte er sich in Luft aufgelöst. Das Gras war zu Ende. Es gab es nicht mehr in der Stadt. Angeblich. Bei niemandem. Nicht einmal bei den Reichen. Gar nicht.
Kanabis sah auf den Schreibtisch des Direktors. Darauf lag das Klassenbuch. Die Seite mit dem Nachnamen des Jungen, der mit Gras dealte, war herausgerissen. Unordentlich, mit ausgefransten Rändern. Der Direktor bemerkte seinen Blick und wandte die Augen ab. Er hatte Angst. Nicht um sich. Davor, dass er zu viel wusste.
Totschka legte die Hand auf den Tisch. Die Bewegung war fließend, doch sie ließ den Atem des Direktors stocken. Sie fragten nicht um Erlaubnis. Sie nahmen eine Kopie des Klassenbuchs und gingen. Die Polizei suchte die Leiche des süchtigen Schuljungen. Der FSB suchte Dokumente, Spuren im Netz, durchwühlte Gruppen und Telegram-Kanäle. Und sie suchten Marihuana, genauer gesagt nicht einmal das Gras, sondern die Idee. Und sie verstanden: Wenn zwei Sicherheitsbehörden Marihuana in einer Millionenstadt nicht finden können, dann gibt es es entweder grundsätzlich nicht, oder es gibt es nicht an den Orten, die jenen bekannt sind. Die dritte Variante war die interessanteste: Es war zu einem Aktivposten geworden.
Elmasch. Industriephantom
Der erste Halt war Elmasch. Ein Viertel der Fabriken, Plattenbauten und des ewigen Staubs. Es hatte sich stark verändert – nicht in zwei Jahren, sondern in den letzten 20 Jahren. Hier floss die Zeit anders. Langsamer.
Kanabis fuhr den Wagen – einen alten „Ford“, gekauft von Geld aus dem Sommerpraktikum an der Akademie. Totschka sah aus dem Fenster und registrierte Details. Sie öffnete das Fenster des Wagens, trotz der Kühle, und streckte die Hand hinaus. Ihre kleine Handfläche schien auf den Windböen zu schweben, die schon sehr spärlichen und trockenen Herbstblättchen berührten manchmal ihre blasse Haut.
In einem der Höfe, am Hauseingang mit abgestoßener Tür, fanden sie einen Mann. Er hockte am Eingang und rauchte. Die Kleidung war Arbeitskleidung, die Hände voller Maschinenöl, unter den Nägeln alter Schmutz.
Ein örtlicher Wächter oder Schlosser. Solche Leute sehen alles. Sie sind unsichtbar für das System, deshalb bemerkt das System sie nicht.
Kanabis kam als Erster heran. Ohne zu fragen. Legte eine Zigarettenpackung auf die Betonbrüstung. Der Mann sah auf die Zigaretten, dann auf Kanabis. In seinen Augen lag keine Frage. Nur Risikobewertung.
Totschka zeigte schweigend ein Foto auf dem Smartphone. Ein praller Plastikbeutel auf einer kleinen Handfläche, mit Antworten auf alle Fragen. Der Mann nickte. Er hatte sie gesehen. Nicht am Dienstag. Am Montag. Da war ein Mann in einem dunklen Mantel. Ohne Gesicht. Kapuze. Er sprach leise. Wirkte angespannt. Er hatte eine schwarze Plastiktüte von „Krasnoje i Beloje“. Keine Dokumente. Etwas Schweres.
Der Schlosser wies mit der Hand in Richtung Fabrik. Dort, hinter einem Stacheldrahtzaun, standen alte Werkhallen. Ein Teil von ihnen war an Wildberries verpachtet. Offiziell – als Lager. Inoffiziell – wer weiß, wofür.
Kanabis und Totschka gingen dorthin. Der Wind wurde stärker. Das Metall quietschte in der Kälte. Sie umrundeten den Perimeter. Es gab keine Wachen. Nur Kameras. Doch die Kameras blickten nach innen, nicht nach außen. Jemand wollte verbergen, was drinnen geschah, nicht, wer hineinging.
Sie fanden ein offenes Lüftungsfenster in der Wand eines Nebenraums. Kanabis half Totschka hoch. Sie ächzte und kletterte hinein. Nach einer Minute öffnete sie die Tür. Drinnen roch es nach Maschinenöl und altem Papier. Auf dem Tisch lag eine Karte der Stadt. Darauf waren Punkte markiert. Elmasch, Uralmasch, Bahnhof, Zentrum, Uktus. Eine Route.
In der Mitte der Karte stand eine Markierung. „Tsch“.
Totschka fotografierte die Karte. Sie gingen genauso leise, wie sie gekommen waren. Doch als sie in den Wagen stiegen, bemerkte Kanabis eine schwarze Limousine auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Motor lief. Abgase wölkten in der kalten Luft. Sie wurden beobachtet. Nicht von der Polizei. Die Bullen hatten Erkennungszeichen. Das waren Wölfe im Schafspelz.
Kanabis startete den Motor. Ohne Scheinwerfer einzuschalten. Sie fuhren langsam los, ohne den Verkehrsfluss zu stören. Die schwarze Limousine bewegte sich nicht. Sie ließen sie gehen. Das war schlimmer. Also wussten sie, wohin die beiden fahren würden.
Uralmasch. Territorium der Macht
Uralmasch empfing sie mit beleuchteten Schildern und lauter Musik aus den offenen Fenstern der Geschäfte. Hier kochte das Leben, doch unter der Oberfläche brodelte Lava. Ein Viertel, in dem Fragen nicht vor Gericht, sondern in Hauseingängen geklärt wurden.
Marihuana war in diesem Viertel zuerst aufgetaucht, dann hatte es sich allmählich in der ganzen Stadt verbreitet. Uralmasch war ein Beispiel sozialer Selbstorganisation. Die Menschen hier hielten zusammen. Deshalb konnten sie hier die finden, die wirklich die Wahrheit kannten.
Das Pärchen betrat ein kleines Café neben der Metro. Ein großartiger Ort als Coffeeshop, aus Marketingsicht, mit ständigem, nicht nachlassendem Traffic praktisch rund um die Uhr. Der Ort war neutral. Totschka bestellte Kaffee. Kanabis setzte sich mit dem Rücken zur Wand. Er sah den Eingang. Er sah den Spiegel, der die Straße reflektierte.
Ein Mädchen kam zu ihnen. Eine Kellnerin. Etwa 19. In den Augen Müdigkeit, doch der Blick wachsam. Totschka legte das Telefon mit dem Foto auf den Tisch. Die Kellnerin erstarrte. Sie erkannte es. Klar, verdammt, als ob sie es nicht erkannt hätte.
Sie sagte nichts laut. Sie zog ihr Honor aus der Gesäßtasche der ausgeblichenen Jeans. Sie schrieb in den Chat: „Das Mädchen kam am Freitag hierher. Mit ihr. War verängstigt. Sprach von einer Schuld. Nicht von Geld. Von einer Ehrenschuld“.
Die Kellnerin schrieb noch ein Wort: „Kasse“.
Und wies in Richtung Bahnhof.
Kanabis verstand. Das Mädchen steckte bei jemandem tief in der Schuld. Oder jemand schuldete ihr etwas. Doch das Wort „Kasse“ bedeutete im Kontext von Schattengeschäften eines – Bargeld. Großes Bargeld. Im Zeitalter digitaler Überweisungen hinterlässt Bargeld nur dann eine Spur, wenn es physisch transportiert wird.
Die Kellnerin ging. Eine Minute später wurde ihr Kaffee gebracht. Auf der Untertasse lag ein Schlüssel. Alt, aus Messing, von einem Schließfach.
Kosjak ballte den Schlüssel in der Hand. Das Metall war kalt. Sie verließen das Café. Die schwarze Limousine war wieder da. Jetzt stand sie näher. Die Scheinwerfer waren aus.
Sie setzten sich in ihren Wagen. Kanabis startete den Motor nicht sofort. Er sah in den Rückspiegel. In der Limousine saßen zwei. Sie versteckten sich nicht. Sie warteten.
— Sie werden uns nicht holen, — sagte Totschka. Die Stimme war leise, aber fest.
— Weil sie uns brauchen, — antwortete Kanabis. — Wir sind der Köder.
— Für wen?
— Für die, die warten, dass wir sie zu ihr führen.
Sie saßen und schwiegen. Plötzlich hob Kanabis langsam die Hand, streckte sie zu Totschkas Kopf aus und zog ihn langsam zu sich heran. Sie zuckte leicht zusammen, doch eine Sekunde später beugte sie sich zu Kanabis und öffnete mit gewohnten, eingespielten Bewegungen den Reißverschluss seiner Jeans, zog die schwarze Unterhose herunter. Sie holte den Penis heraus und begann wie gewohnt an Kanabis’ Schwanz zu saugen. Er lehnte sich an die Kopfstütze, schloss die Augen ein wenig und beobachtete mit Interesse, was die Jungs in der Limousine tun würden. Nach einigen Minuten wurden Totschkas Bewegungen heftig und intensiv. Das Wippen des Kopfes war durch die Windschutzscheibe deutlich zu erkennen. Totschka begann sich mit der Hand zu helfen und wichste Kanabis’ Schwanz. Nach ein paar weiteren Minuten kam er. Totschka saugte noch einige Minuten weiter am Schwanz. Sie liebte diese Sache. Ihr gefiel, wie der dicke, feste Penis im Mund leicht zitterte, wie er sich im letzten Moment anspannte und ein Strahl heißen Spermas ihr an den Gaumen schlug. In diesem Moment schluckte sie schnell die Hauptportion Protein, dann saugte sie allmählich die Reste aus dem noch stehenden Penis, half sich mit der Hand und wichste den Schwanz. Sie lehnte sich zurück und wischte sich mit dem Handrücken wie gewohnt Speichel und Spermaresie von den Lippen.
Kanabis riss das Lenkrad herum. Scheiß auf die offene Jeans und den herausragenden Penis. Der Wagen schoss los und brach die Regeln. Sie gingen auf Rammkurs gegen den Verkehr. Hupen, Schreie. Die schwarze Limousine hatte damit nicht gerechnet. Sie blieb zurück, eingeklemmt zwischen Lastwagen.
Sie hatten sie abgehängt. Aber nicht lange. In dieser Stadt konnte man sich nicht verstecken. Man konnte nur Zeit gewinnen.
Bahnhofsviertel. Chaos
Der Bahnhof ist ein Ort, an dem Menschen sich selbst verlieren. Tausende Gesichter, Ströme von Gepäck, Lärm der Ansagen. Hier ist es leicht zu verschwinden. Und hier ist es am leichtesten, den zu finden, der gefunden werden will.
Die Schließfächer befanden sich im alten Flügel. Dort roch es nach Feuchtigkeit und billigem Tabak. Kanabis ging zu dem Fach mit der Nummer, die zum Schlüssel passte. Totschka stand Schmiere. Sie beobachtete die Menschen um sie herum. Jeder konnte ein Agent sein. Jeder konnte eine Bedrohung sein.
Das Fach öffnete sich mit schwerem Quietschen. Darin lag eine Tasche. Sportlich, blau. Keine Etiketten.
Kanabis nahm die Tasche heraus. Sie war schwer. Sie gingen zur Toilette und schlossen sich in der Behindertenkabine ein. Das war der einzige Ort ohne Kameras.
Der junge Mann öffnete die Tasche. Darin lagen Geldbündel. Euro. Dollar. Rubel. Viel. Mehr als eine Million. Und ein Pass. Auf den Namen einer tschechischen Staatsbürgerin.
Totschka schnappte nach Luft. Der Laut war dumpf, von der Handfläche erstickt.
— Was bedeutet das? — flüsterte Totschka.
— Was zum Teufel geht hier vor? Wir suchten einen Schuljungen, und jetzt das. Das ist Geld, — sagte Kanabis. — Das ist Bezahlung. Verdammte Scheiße, wir wollten Marihuana kaufen, und jetzt das.
— Wofür?
— Für Schweigen. Oder für eine Arbeit. Wahrscheinlich. Weiß ich doch nicht.
Kanabis durchsuchte die Bündel. In einem von ihnen fand er einen Zettel. Darauf standen Koordinaten. Stadtzentrum. Malyschew-Straße. Ein Bürogebäude. Und eine Zeit. Heute. 20:00.
Die Uhr zeigte 18:30.
Sie hatten eineinhalb Stunden.
In diesem Moment klopfte es an der Toilettentür. Nicht stark. Selbstsicher.
— Polizei. Dokumentenkontrolle. Kommen Sie heraus.
Kanabis warf Totschka einen kurzen Blick zu. Sie nickte. Sie konnten nicht mit der Tasche hinausgehen. Sie versteckten sie hinter dem Spülkasten der Toilette. Sie gingen hinaus.
Im Korridor standen zwei in Uniform. Doch etwas stimmte nicht. Die Stiefel waren zu neu. Die Uniform saß perfekt. Das war kein Streifendienst. Das war eine Spezialeinheit.
— Dokumente, — sagte einer. Die Stimme war emotionslos.
Kanabis hielt seine Studentenausweise hin. Totschka auch.
— Was machen Sie hier?
— Na ja, wir dachten, wir erhöhen die Geburtenrate.
Der Offizier sah sie an. Dann auf das Telefon. Er rief jemanden an. Wortlos. Hörte zu. Legte auf.
— Kommen Sie mit, — sagte er.
— Wofür? — fragte Kosjak.
— Zur Identitätsfeststellung.
Sie führten sie zum Ausgang. Doch direkt am Ausgang wartete ein anderes Auto auf sie. Kein Polizeiwagen. Zivil. Ein schwarzer SUV.
Die Tür öffnete sich. Aus dem Wagen stieg ein Mann im Anzug. Er zeigte einen Ausweis. FSB.
— Lassen Sie sie gehen, — sagte der Mann im Anzug. — Sie sind unsere Zeugen.
Die Polizisten wechselten Blicke. Interessenkonflikt. Lokale Polizei gegen Föderale. Ein Klassiker.
— Wir haben einen Befehl, — begann der Polizist.
— Ihr Befehl ist annulliert, — unterbrach der Mann im Anzug. — Wollen Sie Probleme mit Moskau?
Die Polizisten traten zurück. Kanabis und Totschka stiegen in den FSB-Wagen. Die Türen fielen zu. Die Schlösser klickten.
Zentrum. Das Spinnennetz
Der Wagen fuhr schnell. Es gab kein Blaulicht. Sie wollten keine Aufmerksamkeit erregen. Der Mann im Anzug saß vorn. Er drehte sich nicht um.
— Der Typ hat für uns gearbeitet, — sagte er plötzlich. Die Stimme war ruhig, als erzählte er vom Wetter.
— Sind Sie bescheuert? Er ist ein Schuljunge, — sagte Totschka.
— Er ist kein Schuljunge, sondern ein Kleinwüchsiger, der jung aussah, falls Sie das interessiert. Außerdem ein Kurator. Er überwies Gelder. Über Schulkonten. Zuschüsse. Renovierungen. All das war Tarnung.
Kanabis ballte die Fäuste.
— Wohin haben Sie ihn gebracht?
— Wir haben ihn nicht versteckt. Er ist untergetaucht. Als er begriff, dass das Schema aufgeflogen war. Er hat das Geld gestohlen. Das, das Sie gefunden haben.
— Warum fangen Sie ihn nicht selbst?
— Weil er zu viel weiß. Wenn wir ihn verhaften, wird er reden. Und wir brauchen ein leises Ende. Wir dachten, Sie führen uns zu ihm. Sein Marihuana ist das beste und reinste in der Stadt. Kein Wunder, dass Sie sich so in die Suche verbissen haben.
— Wir sind keine Hunde, — sagte Kosjak.
— In diesem Land sind alle Hunde. Die Frage ist nur, wer die Leine hält.
Der Wagen hielt an einem Gebäude in der Malyschew-Straße. Ein Bürozentrum. Glas und Beton.
— Sie haben eine Stunde, — sagte der Mann im Anzug. — Finden Sie ihn. Oder wir finden Sie. Und dann wird Ihnen niemand helfen – weder die Medien noch Bastrykin. Eher im Gegenteil.
Ein hartes Lachen durch die Zähne.
Sie stiegen aus. Das Gebäude wurde bewacht. Doch sie hatten einen Passierschein, den der Mann im Anzug ihnen in die Hand gedrückt hatte, bevor er die Tür zuschlug.
Der Aufzug brachte sie in das letzte Stockwerk. Dort gab es ein einziges Büro. Die Tür stand einen Spalt offen.
Drinnen brannte Licht. Am Tisch saß ein Schuljunge, genauer gesagt ein Kleinwüchsiger. Vor ihm stand eine Wasserpfeife und lagen Marihuana-Beutel. Pralle Beutel, genau die, die sie so liebten und in Erinnerung behalten hatten.
Jetzt war bereits zu sehen, dass es kein Kind war, sondern ein Erwachsener. Das Gesicht war eingefallen. Die Wangenknochen traten hervor, doch der Blick war nach wie vor wachsam.
— Ich wusste, dass Sie kommen würden, — sagte er. Er war nicht überrascht.
— Warum bist du, sind Sie verschwunden? — fragte Totschka. Die Stimme zitterte.
— Weil ich gesehen habe, was ich nicht hätte sehen dürfen. Das Geld floss nicht in Gras. Es floss in einen Krieg. Nicht den, über den im Fernsehen gesprochen wird. In einen Schattenkrieg. Zur Unterstützung von Gruppierungen. Überall. Hier. In Europa. Dort, wo getötet wird und nicht gekifft.
Der Kleinwüchsige stand auf. Er nahm einen USB-Stick vom Tisch.
— Das ist alles. Listen. Konten. Namen.
— Geben Sie es uns, — sagte Kanabis.
— Nein. Das ist zu gefährlich. Wenn Sie hier bleiben, werden sie Sie töten. Oder einsperren. Der FSB lässt Sie damit nicht gehen. Die Polizei auch nicht. Sie kämpfen gerade um das Recht, Sie zu verhaften.
— Was sollen wir tun?
— Fahren Sie weg.
— Wohin?
— Ich habe Kontakte. In Prag. Ein Mann, dem ich das ursprünglich übergeben sollte. Aber ich hatte Angst.
Der Kleinwüchsige ging zum Fenster.
Unten blinkten die Lichter der Stadt.
— Sie kommen schon. Sie haben fünf Minuten. Die Treppe links. Dort ist der Hinterausgang.
— Und Sie?
— Ich halte sie auf.
— Das ist Selbstmord, — sagte Kanabis.
— Das ist eine Geschichtsstunde, — lächelte er. — Ein Opfer für die Zukunft. Gehen Sie.
— Übrigens, wollen Sie wissen, wie ich heiße?
— Wie?, — fragte Kosjak.
— Marja Iwanowna, zuerst war ich ein Mädchen.
— Im Ernst?!
— Aber nein, natürlich nicht! Völlig verrückt ohne Gras, wie ich sehe. Na gut, nehmen Sie diese mit. Sie werden sie sowieso beschlagnahmen, die Bastarde.
Er stieß sie zur Tür. Kanabis zögerte. Totschka zog ihn am Ärmel. Sie rannten.
Hinter ihnen fiel die Tür zu. Eine Sekunde später hörten sie Stimmen. Grob. Fordernd.
Sie rannten die Treppe hinunter. Zehn Stufen. Neun. Acht. Die Beine brannten. Die Lungen brannten.
Am Ausgang wartete ein Wagen auf sie. Kein FSB. Keine Polizei. Genau der aus Elmasch.
Die Tür öffnete sich. Drinnen saß derselbe Mann, den der Typ aus Elmasch beschrieben hatte. Doch jetzt trug er einen anderen Anzug.
— Steigen Sie ein, — sagte er. — Sie wurden gebeten, evakuiert zu werden.
— Wer sind Sie? — fragte Kanabis.
— Ein Freund. Oder ein Feind. Je nachdem, was Sie als Nächstes entscheiden.
Uktus. Der Punkt ohne Wiederkehr
Sie fuhren nicht zum Flughafen. Der Flughafen war für sie geschlossen. Zu viele Kameras. Zu viel Kontrolle.
Die Fahrt nach Uktus verlief schweigend. Ein Viertel der Schlafviertel und Privathäuser. Hier war es ruhiger.
Der Wagen hielt an einem Privathaus. Ein hoher Zaun. Kameras.
Im Haus war es leer. Nur ein Mac Air auf dem Tisch. Und Tickets.
Zwei Tickets. Jekaterinburg – Prag. Über Moskau. Transit.
— Sie haben vier Stunden bis zum Zug, — sagte der Fahrer. — Danach sind Sie auf sich allein gestellt.
— Und der dort? — fragte Totschka.
— Er hat seine Wahl getroffen. Jetzt müssen Sie Ihre treffen.
Der Fahrer fuhr weg. Sie blieben allein. Im Haus war es kalt. Kanabis ging zum Notebook. Schaltete es ein. Es gab kein Passwort.
Auf dem Bildschirm war eine Karte. Tschechien. Prag. Ein Treffpunkt.
— Ist das eine Falle? — fragte Kanabis.
— Vielleicht, — sagte Totschka. — Aber hier zu bleiben ist der Tod. Lass uns nur erst rauchen. Marihuana ist da, genau das, ohne Beimischungen. Rein. Man kann leben.
Sie nahm die Tickets. Das Papier war fest. Echt.
— Er sagte, das Geld floss in einen Krieg.
— Alles Geld fließt in einen Krieg, — sagte Kanabis. — Die Frage ist, auf welcher Seite du landest.
Nachdem sie geraucht und sich entspannt hatten, verließen sie das Haus. Schnee begann zu fallen. Groß, nass. Er verklebte die Augen. Sie stiegen in ein Taxi. Nannten die Adresse des Bahnhofs. Der Fahrer schwieg. Das Radio spielte leise Musik. Die Nachrichten sprachen von Stabilität. Von Erfolgen. Von Ordnung.
Kanabis sah auf die Stadt. Jekaterinburg glitt zurück. Lichter der Fabriken. Lichter der Büros. Lichter der Häuser, in denen Menschen schliefen, ohne zu wissen, dass ihre Lehrer verschwanden und das Geld noch schneller verschwand.
Er spürte das Gewicht des USB-Sticks in der Tasche. Er spürte es erst jetzt.
Jetzt hatten sie nicht nur Wissen. Sie hatten eine Waffe.
Grenze
Der Zug setzte sich in Bewegung. Das Klacken der Räder wiegte in den Schlaf. Doch schlafen durfte man nicht.
Im Abteil war es still. Es gab keine Nachbarn. Alle Plätze waren aufgekauft.
Totschka sah aus dem Fenster. Russland endete. Ein anderes Land begann.
— Was werden wir in Prag tun? — fragte sie.
— Wir finden den Mann, — sagte Kanabis.
— Und wenn es ihn nicht gibt?
— Dann erschaffen wir ihn.
Kanabis holte den USB-Stick heraus. Er glänzte im Licht der Lampe. Ein kleines Stück Plastik, das Karrieren von Generälen und Oligarchen zerstören konnte.
Im Korridor waren Schritte zu hören. Schwere. Selbstsichere.
Jemand blieb an ihrer Tür stehen. Eine Hand legte sich auf die Klinke.
Kanabis sah Totschka an. In ihren Augen lag keine Angst. Nur Entschlossenheit.
Die Tür öffnete sich.
Auf der Schwelle stand ein Mann. In Zivil.
— Willkommen im Club, — sagte er. — Wir haben auf Sie gewartet.
Die Tür schloss sich. Der Zug wurde schneller.
Draußen blitzten die Lichter einer Grenzstadt vorbei. Die letzte Stadt Russlands.
Kanabis ballte den USB-Stick in der Hand. Das Metall schnitt in die Haut.
Das Spiel begann gerade erst. Und die Regeln waren hier andere.
In Prag erwartete sie nicht die Freiheit. Ein neuer Krieg erwartete sie. Doch jetzt hatten sie einen Vorteil. Sie kannten den Preis. Und sie kannten den Preis des Schweigens.
Der Zug fuhr in einen Tunnel. Das Licht erlosch. Nur ein rotes Lämpchen des Diktiergeräts blieb, das Tatjana unbemerkt eingeschaltet hatte.
Die Aufnahme lief...
